Herr Doktor, was habe ich denn nun? Habe ich Rheuma, Entzündung, Ischias, Bandscheibe oder Osteoporose…?

Die Begrifflichkeiten, die durch Medien und durch Hörensagen verbreitet werden, sind für den medizinischen Laien sehr verwirrend. In der orthopädischen Tätigkeit stellen sich immer wieder Probleme, Patienten Ihre Diagnosen verständlich zu erläutern. Wenn dann nicht eines dieser Schlagworte fällt, wird häufig die Erläuterung nicht vollständig wahrgenommen. Nicht selten folgt beim nächsten Besuch der Vorwurf: „Sie haben mir noch gar nicht gesagt, was ich habe...“.

Oder man hört: „Der Herr Doktor weiß auch nicht, was ich habe!“ Der Körper ist ein sehr komplexes Gebilde, es spielen für einen Krankheitsverlauf viele Faktoren mit. Ein einfaches Schlagwort als Diagnose ist häufig nicht ausreichend, besonders wenn die Frage nach der Ursache gestellt wird. Gerade der Orthopäde behandelt chronischen Fehlbelastungen, Folgen unserer zivilisationsbedingten Lebensweise und dem natürlichen Alterungsprozess nicht selten vergeblich hinterher. Ein vernünftiges Körperbewusstsein, in dem sich der Patient der eigenen, aktiven Verantwortung für seinen Körper stellt, ist leider nicht sehr weit verbreitet. Das heißt nicht, dass solche Menschen nicht krank werden, nicht unter z. B. Rückenschmerzen leiden. Als Arzt kann man solche Menschen jedoch besser erreichen und kann ihnen besser helfen.

 

Rheuma

Rheuma (aus dem griechischem)  ist ein Sammelbegriff für viele Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates, die durch fließenden Schmerzcharakter gekennzeichnet sind. Es sind 100 Krankheiten mit unterschiedlicher Ursache, Ausprägung und Lokalisation, so dass ca 300-400 rheumatologische Krankheitsbilder abgrenzbar sind.

Die entzündlich rheumatischen Erkrankungen haben zum Teil eine genetische Ursache, hier gibt es also häufig eine familiäre Vorbelastung.

Da diese Erkrankungen Allgemeinerkrankungen sind, führen sie oft auch zur Organveränderungen.

Bei begründetem ärztlichem Verdacht, sollte eine spezialisierte rheumatologische Abklärung und Behandlung erfolgen.

Eine frühzeitige Therapie ist hier wünschenswert um so schwere Schäden zu vermeiden.

 

Entzündung

Eine Entzündung ist ein bestimmter Zustand eines Gewebes, der mit vermehrter Durchblutung, Einwanderung von bestimmten Zellen und Botenstoffen einhergeht. Er ist gekennzeichnet durch Schmerz, Schwellung, Rötung, Überwärmung und eingeschränkte Funktion. Viele schmerzhafte Prozesse haben einen entzündungsartigen Charakter, auch Heilungsprozesse laufen so ab.

Aus dem Vorliegen einer Entzündung geht zunächst nicht hervor, ob diese durch Überlastung, Rheuma oder gar durch Bakterien verursacht wird. Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Entzündung.

 

Ischias

Der Ischias ist ein kräftiger Nervenstrang, der durch die Gesäßmuskulatur in den hinteren Oberschenkel zieht und sich aus Einzelnerven der unteren Wirbelsäule zusammensetzt. Wenn er irgendwo in seinem Verlauf gereizt wird, wird er zumindest schmerzhaft. Die Therapie besteht darin, die Reizung des Nervs zu beseitigen.

 

Bandscheibe

„Die Bandscheibe“ wird gerne als Synonym für den Rücken genommen. Mit ihr verbindet sich oft die Furcht vor Schmerz, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, Leistungseinbuße und Berentung. Die Frage: „Herr Doktor, ist es die Bandscheibe?“, wird meist von einer sorgenumwölkten Stirn begleitet. Jeder kennt irgendjemand, der wegen der Bandscheibe invalidisiert ist.

Die Bandscheibe (eigentlich Zwischenwirbelscheibe) ist nicht anderes, als eine scheibenartige Struktur zwischen zwei Wirbelkörpern, die aus einem Faserknorpelring, sowie einem weichen Knorpelkern besteht. Man besitzt davon ganz viele (jeweils zwischen den sieben Halswirbelkörpern, zwölf Brustwirbelkörpern, fünf Lendenwirbelkörpern...). Wovor sich alle fürchten ist der Bandscheibenvorfall, bei dem der weiche Kern nach hinten in Richtung Nervenstrukturen austritt. Auch dieser ist zunächst keine Erkrankung, sondern schlicht ein Verschleiß. Er ist ein häufiger Zufallsbefund von Schichtbilduntersuchungen (CT, MRT), oft in dem jeweiligen Segment und der Seitenausrichtung, gar nicht für die beklagten Schmerzen verantwortlich. Natürlich kann er auf bestimmte Nerven drücken und so Schmerzen, Gefühlsstörungen oder gar gezielte Lähmungen verursachen. Die wenigsten Bandscheibenvorfälle müssen operiert werden. Auch dann liegt keine schlimme Erkrankung vor. Im höheren Lebensalter werden nerven eher kombiniert durch knöcherne Veränderungen, verdickte Bandstrukturen und auch durch Bandscheibengewebe eingeengt.

Rückenschmerzen sind durch stetiges Training der Rumpfmuskulatur in den meisten Fällen günstig zu beeinflussen. Werden sie durch eine rheumatische Erkrankung verursacht, muss diese selbstverständlich behandelt werden.

 

Arthrose

Die Arthrose ist die häufigste Ursache für Schmerzen und Bewegungseinschränkungen von Gelenken. Sie hat in der Regel nichts mit einer entzündlich rheumatischen Erkrankung gemein.

Der Begriff kommt aus dem griechischem und bezeichnet eine (krankhafte) Veränderung eines Gelenkes.

Die Arthrose ist meist Folge eines Verschleißes, also degenerativ bedingt. Sie wird begünstigt durch familiäre Belastung, Achsfehlstellung der Extremität und/ oder Gelenkverletzungen, bzw. gelenknahe Verletzungen. Auch ist sie Endzustand entzündlich rheumatischer Erkrankungen.

Die Arthrose ist durch inaktive und aktivierte Phasen gekennzeichnet. Die inaktive Phase ist besonders durch Anlauf- und Belastungsschmerz gekennzeichnet. Kälte wird hier meist die Symptome verstärken.

In der aktivierten Phase, finden im Gelenk entzündungsartige Reaktionen statt mit hoher Aktivität der Gelenkschleimhaut. Es treten hier Schwellungen der Gelenkkapsel, Gelenkergüsse auf. Das Gelenk ist meist überwärmt, gelegentlich sogar gerötet. Charakteristisch ist der Dauer-, auch Ruheschmerz, der sich unter Belastung und Bewegung verstärkt. Hier werden die Schmerzen und die Symptomatik durch Wärme entscheiden verschlechtert.

Die unterschiedliche Charakteristik beider Phasen, bedingen unterschiedliche Behandlungsansätze mit dem Ziel die Gelenkfunktion möglichst lange zu erhalten.

 

Osteoporose

Krankhafter Schwund der Knochenmasse mit Befall des organischen und mineralischen Knochenanteiles gleichermaßen. Hierauf wurde bei der Beschreibung der Knochedichtemessung bereits eingegangen.

Der Abbau der Knochenmasse ab dem 30. Lebensjahr ist natürlich. Es gibt jedoch einen Abbau über das Altersmaß hinaus, dieser ist dann pathologisch. Frauen sind meistens stärker und mit rapiderem Verlust betroffen als Männer. Diskutiert wird die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren als eine Ursache. Männer geraten jedoch zunehmend in den Focus der Osteoporoseforschung. Ihre Erkrankung scheint häufiger als bisher angenommen.

Bei hochgradiger Ostoeporose können Knochenbrüche bereits bei Alltagsbelastungen auftreten (z. B. durch schweres Heben).

Wirbelkörperfrakturen können massive Formveränderungen des Rumpfes verursachen. Schenkelhalsfrakturen verursachen eine hohe Sterblichkeit.

Die Vorgehensweise richtet sich nach erarbeiten Leitlinien der osteologischen Fachgesellschaften.

Information unter: www.dv-osteologie.org

 

WICHTIG! Für jeden gilt: Sport ist die Grundvoraussetzung zur Gesunderhaltung, zum Gesundbleiben und zum Verlangsamen des biologischen Alterungsprozesses.

Natürlich muss dies im Einklang mit der Leistungsfähigkeit von Herz, Kreislauf und Lunge stehen. Dies ist mit Ihrem Hausarzt und Internisten abzustimmen. Im Rahmen Ihrer Möglichkeiten werden Sie diese Leistungsfähigkeit steigern können.

Ausdauersport verbessert die allgemeine Leistungsfähigkeit, vermindert Infektanfälligkeit und erhöht die Schwelle der Schmerzempfindungen.

Es gibt einfache Übungen, die Ihre Rumpf- und Extremitätenmuskulatur stärken und die Sie einfach selbst durchführen können. Vielleicht haben Sie ja auch die Möglichkeit in einem Fitnessstudio Ihre Muskulatur gezielt und sinnvoll zu trainieren. Sie werden schnell merken, dass Sie weniger Schmerzen haben, Verspannungen abnehmen. Dies ist in jedem Lebensalter möglich.

Sport ist zur Vorbeugung und auch zur Therapie der Osteoporose mindestens so wichtig, wie Medikamente. Auch körperlich schwer arbeitende Menschen benötigen einen Ausgleichsport, bzw. gezielte Eigenübungen, um das berufsbedingte Ungleichgewicht der Muskulatur auszugleichen, neuere Studien haben dies bewiesen. Es ist Ihre einzige Chance auf Dauer etwas für sich zu tun.

Natürlich werden Sie immer mal wieder Schmerzverstärkungen erfahren. Die Schmerzen werden sich aber viel schneller und leichter beherrschen lassen. Sie werden weniger leicht zur Krankheit. Wesentlich häufiger entstehen Schmerzereignisse im Rahmen von Bagatellen des häuslichen Lebens und nicht beim Sport (Unfälle ausgenommen).

Als Orthopäde kann ich Ihnen gezielt helfen Ihre Beschwerden zu lindern und Sie auf den Weg bringen. Ohne Ihre Mitarbeit ist jeder Arzt machtlos. Passivität, wenn man abwartet, dass nur andere etwas für einen unternehmen, wenn man sich von einer Massage zur nächsten durchschleppt, fördert die chronische Erkrankung des Bewegungsapparates. In den Behandlungsleitlinien sind passive Maßnahmen auf die letzten Plätze gerutscht. Der Sport hilft jedoch nur, so lange er noch aktiv betrieben wird. Das Argument, dass man früher viel Sport gemacht habe und deswegen es nun nicht mehr brauche, ist widerlegt.

Turne, turne, von der Wiege bis zur Urne! (Zitat: Prof. Dr. med. Grönemeyer)